Zum 17 Tage Programm   Zeit im Fluss

[Redaktion]

Andreas Jungwirth:
Erzählprojekt - Gespräche über die Zeit

Gespräche über die Zeit ist ein Erzählprojekt im Internet. Die im Kommunikationsforum der Homepage "Zeit im Fluss" eingetragenen Beiträge werden als Anregung für diese philosophische Unterhaltung genutzt.

Ein Erzähler berichtet von mehreren Gesprächen, die er während eines Sommers mit einem älteren Herrn zum Thema Zeit geführt hat. Die Art und Weise, wie die beiden miteinander kommunizieren, wie sie an das Thema herangehen, wie sie sich gegenseitig aufs Glatteis zu führen versuchen, wie sie einander mißverstehen und wie sie neben ihrem eigentlichen Gegenstand einander ihr Leben mitteilen, macht den Text auch zu der Geschichte einer Freundschaft zweier Männer unterschiedlicher Generationen.

Alle zwei bis drei Wochen wird der Text um eine weitere Gesprächsrunde ergänzt. Das Erscheinen des nächsten Gesprächs wird am Ende des jeweils zuletzt veröffentlichten Kapitels angekündigt.

Kontakt: andreas.jungwirth@nikocity.de


18. 09. 2000, 16:03
Erstes Gespräch

Im nun sich verabschiedenden Sommer öffnete ich oft das Gitter zum nach Heinrich von Kleist, dem Dichter und Selbstmörder, benannten Park.
Die gepflegte Gartenanlage dahinter ist mit grobem klassizistischem Gemäuer aufgemöbelt.
Und viele Rosen der Zierde wegen und strahlend weiße Sitzbänke.
Nicht mehr ganz zeitgemäß dieses Refugium gestanzter Einfalt.
Ich hätte mir für meine Spaziergänge sicher bald andere Areale gesucht.
Aber er, der alte Mann, dessen Name ich lange nicht kannte, und ich, der junge Mann, verbrachten oft den halben Nachmittag auf einer Bank sitzend, über die sogenannten Weltläufe sprechend.
Weil wir alles immer wieder aufgriffen.
Weil wir unser Vergnügen an dieser Kontinuität hatten.
Und offenbarten uns einem anderen, das kann ich zumindest von mir sagen, wohl nie so offenherzig.
Im Duft der Rosen, der wie Rauch aufstieg.
Die Rosen verblühten darüber.


An einem Tag im Spätsommer, einem Montag.
Ich sah ihn von weitem auf unserer Bank sitzen.
Verspätet hatte ich mich.
Er hatte es wohl aufgegeben auf mich zu warten, saß da und starrte vor sich hin, in einer Weise abwesend, wie ich es an ihm noch nie gesehen hatte.
Einen Augenblick lang fürchtete ich, er könnte tot sein, blieb stehen, beobachtete, ob die schmale Bewegung wahrzunehmen ist, die der Strom des Atems bewirkt und verlangt.
Ich hielt eine Weile an dem Gedanken des Todes fest.
Prüfte ihn in mir, ob er schmerzhaft ist.
Der Tod ist ja kein Ereignis, das man einfach so übergehen kann.
Plötzlich sah ich es, wie sehr er mir in diesem Sommer lieb geworden war und wie bedrückend sein Tod für mich gewesen wäre.
Ich trat mit der Absicht meine Betrübnis durch den Beweis seiner Lebendigkeit zu vertreiben, auf ihn zu.
Du sitzt da, als würde es dir nicht den geringsten Kummer bereiten, daß die Zeit vergeht, rief ich ihn an.
Sollte mir das etwa Kummer bereiten?
Seine Antwort war rau, wie die jemandes, den man aus dem Schlaf reißt.
So wollte er nicht mit Worten angefaßt werden.
Er bat mich, mich zu setzen, aber statt ein Thema zwischen uns zu stellen, trotzte er und schwieg.
So wohl eine gute halbe Stunde.


Um zu verstehen, warum ich das hierauf folgende Ereignis mit einer, für meine unruhige Natur ungewöhnlichen, großen Gelassenheit vorbeigehen ließ, obwohl mir ein nicht unerheblicher Schaden entstanden war, muß man die Natur meines Freundes sehen. Die Naivität, mit der er abwegige Gedanken und Handlungen vortragen oder ausführen konnte, zog mich an und war ein wesentlicher Teil des Eindruckes, den er auf mich machte.
In die Stille hinein bat er mich, ihm meine Uhr zu geben.
Ich löste sie unmittelbar vom Handgelenk, ohne den Zweck seiner Bitte zu befragen, wozu ich schon alleine deshalb, da er selbst eine Uhr am Armgelenk trug, Grund gehabt hätte.
Kurzum, ich tat es nicht.
Er griff meine Uhr, hatte, wie ich erst jetzt bemerkte, zwei handtellergroße Steine vom Boden aufgehoben, legte die Uhr auf den einen und schlug mit dem anderen Stein mit einiger Vehemenz auf meine Uhr ein, zertrümmerte das Gehäuse und schrie: Ja! Ich schlage die Zeit tot! Ich schlage die Zeit tot!
Da begriff ich, wie er meinen losen, zur Begrüßung hingesagten Satz aufgefaßt haben muß und bedauerte meine Unbedachtheit.
Aber nur kurz.
Etwas anderes fesselte jetzt meine Aufmerksamkeit: Ein totgeschlagener Zeitmesser ist ein springlebendiges Ding.
Das Eigentümliche einer Uhr, die, wie meine, nicht einmal einen Sekundenzeiger hat, ist ja, daß sie, obwohl man das Werkeln im Inneren nicht sehen und die Bewegung der Zeiger nicht wirklich mitverfolgen kann, nicht als ein toter Gegenstand wahrgenommen wird.
Das ist möglich, weil wir von Zeit zu Zeit die veränderte Position der Zeiger diagnostizieren und von da aus auf eine Bewegung schließen.
Die Uhr aber, die durch Gewaltanwendung in ihre Einzelteile zersprang, zeigte sich als höchst lebendig: Federn sprangen, Rädchen verloren ihr gewohntes Zusammenspiel und rollten und hüpften in jede nur denkbare Richtung.
Diese Bewegungen erstarben aber bald.
Der Mechanismus des Uhrwerkes war erledigt.
Es ist natürlich Unsinn zu glauben, daß man die Zeit tötet, wenn man eine Uhr zerschlägt, sagte mein Freund.
Ebensowenig trifft man die Seele, wenn man einen Körper tötet.
Wenn wir sagen, fuhr er fort, daß die Zeit die Seele der Uhr ist, dann hast du jetzt, während dieser paar Sekunden orientierungsloser Bewegung der Einzelteile, das Entweichen einer Seele zu sehen, zumindest dessen Mechanismus vorgespielt bekommen.
Ich hatte ihn, bevor ich ihn angesprochen hatte, für einen Augenblick aufgrund seines starren Dasitzens tot gedacht und mich beschlich die Vermutung, daß er diesen Gedanken aufgefangen hatte und daß auch er der wahre Gegenstand seiner Kränkung war, mehr zumindest als mein Zuspätkommen, oder meine unhöfliche Begrüßung.
Ich war in noch größerer Verlegenheit als zuvor.
Ich beruhigte mich damit, daß, wenn er tatsächlich auf diesen Gedanken angespielt haben sollte, wir im Laufe des Sommers eine große Vertrautheit gewonnen haben, die, trotz der zahllosen Reden, die wir geführt hatten, nicht wirklich viele Worte brauchte.
Da in meine Uhr nicht wenig wertvolles Material verarbeitet war, begann ich es gewissenhaft aufzusammeln.
Später ließ ich bei einem Goldschmied ein zeitlos schönes Schmuckstück aus dem Material arbeiten, das ich zu Hause in einer einfachen Kassette verwahrt halte.


Nachdem ich alles aufgelesen zu haben glaubte, trotzdem nicht sicher sein konnte die kleinsten Einzelteile tatsächlich am Kiesweg gefunden zu haben, setzte ich mich abermals neben ihn.
So wie zuvor.
Nur die Uhr war, statt um mein Handgelenk gebunden, zerstückelt in der Hosentasche.
Ungeduldig über meine Mühe, die er sich an meiner Stelle vermutlich nicht gemacht hätte, und nicht nur wegen seines hohen Alters, sondern seiner Natur wegen nicht, sagte er, als ich endlich zur Ruhe gekommen war: Was ist das - die Zeit?
Ich, leichthin: Die Zeit ist eine Pflaume.
Gut, nahm er meinen Vorschlag an, versuchen wir es mit einer Pflaume.
Verdammt, dachte ich.
Ich wußte von früheren Gesprächen, wie viel Lust es ihm bereitete, mich aufs Glatteis zu führen.
Es blieb mir nichts anderes als zuzustimmen: Also gut, probieren wir es damit.
Sie ist süß, wenn sie reif ist, sagte ich.
Ohne Zweifel, fiel er ein, hat man, solange sie am Baum hängt, die berechtigte Vermutung. Aber man kann es erst wissen, wenn man sich die Pflaume pflückt, fuhr er fort, und sie kostet. Sie kann wurmstichig sein und man wirft sie, weil sie bitter ist, schnell weg, ins Gras, wo schon andere faulige Pflaumen von Stechmücken umschwirrt werden. Du sprichst von etwas Vegitablem, und ich kann nicht erkennen, was das mit unserem Thema zu tun hat.
Laß mir doch Zeit, sagte ich erbost über seinen Redeschwall.
Ich vermute, hielt er mir entgegen, du hast dich von der Wendung die Zeit ist reif zu so einem unsinnigen Vergleich verführen lassen. Ich lasse ihn nicht gelten.
Ich mußte ihm recht geben und schämte mich für meine abermalige Gedankenlosigkeit, entschuldigte aber auch diese Blamage vor mir.
Diesmal mit der vorangegangenen Szene, denn ich begann den Verlust meiner Uhr zu bedauern.
Fürchtete unangenehme Fragen von Lisa, die sie mir geschenkt hatte.


Eine Katze, die über den Weg lief, lenkte mich ab.
Nicht nur mich.
Beide sahen wir ihr hinterher, wie sie vorsichtig über eine Rosenbeeteinfriedung stieg und über die Erdhügel spazierte.
Ich fand Gefallen an dieser Überschreitung.
Ich selbst, das hat mir mein Freund schon oft vorgehalten, bewege mich stets auf dem rechten Weg, ohne Lust an Grenzüberschreitung und Risiko.
Ich entgegnete ihm dann stets, ich könne auch nicht aus meiner Haut.
Er beschwor mich, mich von ihm dazu verführen zu lassen.
Zumindest freute ich mich mittlerweile, eine solche Verletzung der Regeln zu beobachten, und sei es nur die unbewußte eines Tieres.
Mein Freund, das war mir mittlerweile geläufig, nahm häufig Inspirationen für ein gegenwärtiges Gespräch aus unmittelbaren Anschauungen.
Tiere, aber speziell Wassertiere, wie er betonte, haben ein sehr präzises Wissen über die Zeit.
Er zielte auf etwas ab, was neben den Worten lag, aber ich konnte es zu diesem Zeitpunkt noch nicht erraten.
Wie er, abgesehen davon, daß gerade eine Katze vorbeiläuft, auf diesen Gedanken käme - und warum Wassertiere mehr als Tiere zu Land oder in der Luft, war meine Frage.
Er konstatierte: Wenn es einen Zeitfluß gibt, gibt es wohl auch, wenn es sich nicht um ein verseuchtes Gewässer handelt, Fische, die in diesem Fluß leben.
Sie schwimmen, ergänzte ich ihn wie er es vorhin getan, als ich von der Pflaume gesprochen hatte, in der Zeit. Wie andere, die reichlich, ja im Überfluß Geld besitzen, im Geld schwimmen. Der Fisch, der Zeitflußbewohner, besitzt Zeit im allzu großem Überfluß. Diese kann er nach Belieben verschwenden, denn sie wird ihm immer wieder nachgeliefert, ähnlich wie der Geldstrom einer florierenden Aktie.
Ein Laut des Unmuts meines Freundes folgte.
Er machte sonst aber keine Anzeichen mich zu unterbrechen.
Aber wie dem Reichen das Geld nach dem Tode nichts mehr nutzen kann, vielleicht wird er einen gediegeneren Sarg als der Arme, und ein erhabeneres Grabmal haben, wird auch der Zeitüberfluß dem Fisch im Zeitfluß, wenn seine Zeit gekommen ist, wie man zu sagen pflegt, nichts nutzen, er wird sein Leben nicht verlängern können und den Bauch nach oben drehen.
Der arme Fisch.
Das war der einzige Kommentar meines Freundes.
War sein Bild mit dem Fluß und dem Fisch ebensowenig entwickelt war, wie meines mit der Pflaume?
War er auf eben das hereingefallen war, was er mir zuvor zum Vorwurf gemacht hatte?
Oder war das scheinbar unbedachte Bild mit dem Fisch in Wahrheit eine bewußte Spiegelung meines schlampigen Pflaumenbildes, und ich war abermals auf ihn hereingefallen?
War er klüger als ich dachte oder weniger klug?
Ernsthaftigkeit, wie ich sie verstand, war nicht Sache meines Freundes.
Überhaupt, keine der Diskussionen, die wir jemals geführt hatten, hätten wissenschaftlichen Kriterien standgehalten.
Es kann meinem Freund, der meist an den entscheidenden Punkten das Ruder herumriß, aber auch nicht vorgeworfen werden, er wäre nicht auf Erkenntnis aus.
Ich mußte nur lernen, daß Erkenntnis oft zwischen den Zeilen oder an Eckpunkten, wo er einen Gedanken scheitern ließ, zu finden ist.
Die Fortsetzung unseres Gesprächs mag das anschaulich belegen.
Naja, quittierte er lakonisch meine Fragen, die ich nicht ausgesprochen hatte.
Eine Lakonie, die den Aspekt autoritär für beendet erklärte.
Ich tat so, als hätte ich meine abermalige Niederlage, und hätte sie nur in meiner Unsicherheit bestanden, nicht bemerkt, und sagte großzügig: Wir wollen uns gegenseitig die Schlamperei nachsehen.


Bleiben wir auf dem Niveau, das du eingeführt hast, sagte er.
Du bringst mich auf einen Gedanken - und er belegte sofort, was er darunter verstand: Heißt es nicht - Zeit ist Geld?
Ja, natürlich, bestätigte ich ihn.
Wir wollen ausprobieren, wie eng die Verbindung von Zeit und Geld tatsächlich ist.
Er war über seinen eigenen Einfall so sehr begeistert, daß er sich freute wie ein Kind.
Er zog einen Tausendschilling-Schein aus seiner Brieftasche, hielt ihn einer jungen Frau, die ihren Kinderwagen gerade an uns vorbei über den Kiesweg schob, unter die Nase und sagte, nehmen Sie diesen Schein und geben Sie mir etwas von ihrer Zeit!
Die junge Frau nahm den Schein, hielt ihn gegen des Sonnenlicht, drehte und wendete ihn, um ihn auf seine Echtheit zu prüfen.
Als sie sicher war, daß es kein Falschgeld war, fragte sie: Wieviel wollen Sie?
Mein Freund war überrascht.
Doch sprach ich ihn weder jetzt, noch später auf sein Erstaunen an, denn gewiß hätte er es niemals zugegeben.
Die Frau wartete ganz selbstverständlich auf eine Antwort.
Drei Stunden, sagte er.
Sie sind verrückt, entgegnete sie, das ist völlig indiskutabel. Maximal eine halbe Stunde.
Sie trug ihre Forderung in einem Ton vor, als würde sie seit Jahren ihr Geld nur auf diese und keine andere Weise verdienen.
Nach einigem Hin und Her einigten sie sich auf 1 Stunde und 10 Minuten.
Nun war ich gespannt, denn ich konnte mir schon während der durchaus hitzig geführten Verhandlungen keinerlei Vorstellung machen, wie der Austausch vonstatten gehen würde.
Sie nahm den Geldschein, den ihr mein Freund willig übergab, stopfte ihn in ihre Westentasche und forderte meinen Freund auf ihr seine Uhr zu geben.
Jetzt war es offensichtlich, daß er ebenso wenig wie ich sich vorstellen konnte, was folgen würde.
Es war sehr schlicht.
Flink drehte sie seine Uhr um 1 Stunde und 10 Minuten zurück, ihre hingegen, ohne sie vom Handgelenk zu lösen, um 1 Stunde und 10 Minuten vor.
Dann gab sie ihm die Uhr zurück, nicht ohne ihm einen Blick auf ihre Uhr zu ermöglichen, daß sie auch korrekt gehandelt hatte, bedankte sich und schob ihren Kinderwagen, mit dem mittlerweile unruhig gewordenen Kind, weiter.
Ich sah den beiden hinterher.
Das Kind brüllte aus vollem Halse.
Ich überlegte ernsthaft, ob die Frau denn tatsächlich ihre eigene Zeit, oder etwa, das ließen diese Schreie vermuten, die Zeit ihres Kindes verkauft hatte.
Meinen Freund beschäftigte diese mir für ein paar Augenblicke außerordentlich dringlich erscheinende Frage nicht: Ich habe tausend Schillinge verloren, und 1 Stunde 10 Minuten gewonnen. Man kann Zeit kaufen. Du hast es gesehen.
Sie hat dich betrogen, sagte ich.
Ach was, sagte er.
Wochen später war mir einmal aufgefallen, daß seine Uhr noch immer um diese 70 Minuten verstellt war.
Heute noch bin ich unsicher, ob er nicht tatsächlich überzeugt ist, seine Lebenszeit um diese 70 Minuten verlängert zu haben und, würde man seine Uhr als neues Maß nehmen, und warum sollte das gänzlich unmöglich sein, so wird er wirklich 70 Minuten später sterben.
Das durchzusetzen würde aber riesige, vermutlich übermenschliche Anstrengungen verlangen.


Ich war sicher, mich mit einer allgemeinen Ansicht unbeschadet zu halten.
Zeit, sagte ich, ist das Kostbarste unter allem.
Die Zeitverschwendung aber die allergrößte Verschwendung.
Ein knappes und machte das geringe Vertrauen deutlich, das mein Freund in meinen neuerlichen Versuch hatte.
Wir hetzen, still sitzend, aber mit wachsender Unruhe, der Lösung eines Rätsels hinterher, von dem wir wissen, daß wir es nicht lösen können.
Man müßte ja die Zeit anhalten, um sie zu fassen zu kriegen, sagte ich.
Da wir uns einig darüber sind, daß das nicht möglich ist, treiben wir also Schindluder und sollten jetzt hier abbrechen und uns mit etwas Sinnvollem beschäftigen.
Oh, das machte ihn wütend.
Etwas Sinnvolleres als hier zu sitzen und ein unlösbares Rätsel zu lösen?, hielt er mir entgegen, wütend, wie ich ihn selten gesehen hatte.
Ist es etwa sinnvoller hier zu sitzen und nichts zu sagen, oder die Rosen zu betrachten, die hier so zahllos blühen, die Nase in die Blüten zu stecken und auszurufen, ah, wie sie duften was hat das für einen Sinn oder die flanierenden Menschen zu betrachten und sich spaßeshalber über den einen oder anderen eine Geschichte zu fingieren.
All das waren Dinge, die wir bei vorangegangenen Begegnungen mit aufrichtiger Freude verfolgt hatten.
Wir können uns trennen, freilich, aber was würdest du dann Sinnvolles tun?... seine Erregung war so groß, und sie kam so unerwartet, daß ich ihm gerne, zum ersten Mal übrigens, gesagt hätte, er möge mich nicht so ernst nehmen.
Die Sprache verschlug es mir.
Das steigerte seine Wut noch mehr, und schon holte er Luft, um zu neuen Tiraden anzusetzen, als ich aber doch blitzschnell das Wort ergriff und zwar so leise, daß er, angesichts der zurückliegenden Turbulenzen, alleine durch die Leisigkeit meiner Stimme überrascht wurde: Sie erscheint uns schnell oder langsam, reif oder unreif, dann denken wir, sie arbeitet für uns oder gegen uns und manchmal ist uns, als würde sie tatsächlich stillstehen. Aber und das ist das Unheimliche es ist wahr und gleichzeitig nicht wahr.
Ja, sagte er.
Und ließ mich im Unklaren, ob zur Bestätigung, oder weil ich ihn langweilte.


Was ist, wenn die Zeit tatsächlich stehenbliebe?
Ich war ein wenig erschöpft und überließ ihm das Feld.
Auch er war müde und sogar ein wenig blaß von seiner vorangegangenen Erregung, die jetzt in ihn zurückgefallen war.
Sein Vortrag war ruhig, etwas unkonzentriert.
Als Kind habe ich manchmal überlegt, daß, wenn man alle Uhren abschaffte, es keine Zeit mehr gäbe. Ich hatte mir nie überlegt, wozu - alleine das Phänomen interessierte mich. Heute weiß ich, daß das Unsinn ist, daß dies nicht das Geringste bewirken würde. Trotzdem fällt mir der Gedanke schwer, denn unsere Erfahrung verknüpft den Zeitmesser mit der Zeit selbst auf so enge Weise, daß wir vergessen, daß nicht die Uhr die Zeit ist, daß sie nur ein Hilfsmittel ist, um sie abzubilden. Aber zurück zu meiner Frage was würde geschehen, wenn die Zeit stehenbliebe?
Hier machte er eine kurze Pause, als suchte er das richtige Wort für einen bereits fertigen Gedanken.
Nichts, sagte ich schnell.
Er sah mich an, als hätte er nicht mehr mit mir gerechnet.
Nichts, wiederholte ich, das heißt, wir werden keine Aussage darüber treffen können, denn auch wir würden ja nichts mehr denken, nichts mehr wahrnehmen, es gäbe keine Bewegung der Gegenstände, aber auch keine Gedanken mehr.
Du hast vollkommen recht, sagte er, aber trotz Zustimmung wirkte er von dem Eindruck befreit, ich hätte begonnen etwas wirklich Kluges zu sagen.
Bitte tue mir den Gefallen und stelle dir vor, du befindest dich außerhalb der Welt, die ich für dieses Experiment als ein abgeschlossenes System annehmen will, und du betrachtest die Welt, auf der die Zeit stehengeblieben ist was würdest du wahrnehmen?
Du erwartest, sagte ich, ich werde sagen: eine erstarrte Welt.
Sag mir nicht, was ich erwarte, sagte er streng.
Gut, sagte ich, ich würde, wenn wir das Experiment in diesen Minuten ansiedeln, genau das sehen, was ich im Augenblick wahrnehmen würde, könnte ich die Welt, jetzt, ohne Zeitstillstand, von außen betrachten.
Das ist eine sehr pessimistische Sicht, sagte er.
Ich schwieg und war sicher ihn überrascht zu haben.
Trotzdem bist du mir, obwohl ich erfasse was du meinst, eine Erklärung schuldig, denn ich bin eigentlich der Auffassung, daß Zeit nur dadurch ist, daß etwas geschieht, und nur dort ist, wo etwas geschieht.
Siehst du, unterbrach ich ihn triumphierend, du lieferst mir die treffendste Legitimation für meine Aussage.
Geschieht denn etwas Erwähnenswertes um uns herum?
Der Gärtner pflegt die Rosen, dort siehst du ihn, wie ihn der Mehltau bekümmert. Die Mutter schiebt ihr Kind über den Sand und freut sich über den Tausendschilling-Schein und wir sitzen hier und schlagen die Zeit tot das tun wir, ich beharrte darauf - mit Gesprächen über die Zeit alle könnten das, was sie tun, auch lassen und es wäre nichts verloren.
Er faßte meine Rede so zusammen: Deine Argumente sind unausgereift.
Er hätte es dabei belassen.
Aber hast du vorhin nichts selbst das Riechen an Blumen, das Betrachten der Rosen und anderes als sinnlos bezeichnet, fragte ich.
Ich habe es als weniger sinnvoll als das Lösen eines unlösbaren Rätsels bezeichnet, was du das Sinnloseste genannt hast.
Mir schwirrte der Kopf.
Ihn, der mehr als doppelt so alt wie ich ist, war eine derartige Müdigkeit des Geistes bei keinem unserer Gespräche überkommen.
Meine Müdigkeit war hingegen meistens der Grund, warum wir eine Debatte beendeten.
Du bist ungerecht gegen andere und das dokumentiert deine eigene Verbitterung, fuhr er fort.
Ich befand mich damals wirklich in einer schwierigen Phase meines Lebens.
Ich war auf der Suche nach einem Rahmen für mein Dasein, aber jeder, den ich gefunden zu haben glaubte, zerbarst binnen kurzem in tausende Splitter.
Dieses Thema wollte ich ihm gegenüber nicht anrühren.
Und er fragte nicht.
Und dennoch brachte er geschickt die Rede darauf.
Er forderte mich auf, mich als das Getriebe einer Uhr zu sehen.
Was würdest du empfinden, fragte er mit einem fröhlichen Lachen.
Ich überlegte.
Er drängte mich nicht.
Dann: Wenn ich davon ausgehe, mich in eine Uhr zu verwandeln, ohne das Bewußtsein dafür zu verlieren, vorher ein Mensch gewesen zu sein, würde ich mich erst über das Ineinandergreifen der Zahnräder, das Zusammenspiel von Mechanik und Logik freuen, da bin ich sicher. Ich bin sicher, es käme Ruhe in mein Leben und ich würde über das Gleichmaß und meine genau umrissene Aufgabe erst einmal großes Glück empfinden.
Den Genuß, daß mein Inneres ineinander greift wie ein Uhrwerk wünsche ich ja oft.
Auch, daß ich immer klar erkennen kann, wieviel die Uhr geschlagen hat (diese Wendung fand ich in diesem Zusammenhang selbst sehr originell).
Oh, ich wollte dir durch meine Frage deine Unzufriedenheit mit deinem Leben nicht so deutlich vor Augen führen, sagte er nicht ohne Ironie, die mich kränkte, denn genau das war seine Absicht...
Laß mich zu Ende sprechen, bat ich ihn.
Ich werde mich letztendlich, wenn mir alles das bewußt geworden ist, aber langweilen.
Ich glaube, eine Uhr ist sehr bedauernswertes Geschöpf.
Es mißt die Zeit, indem es ihr hinterherläuft, die Präzision in ihrem Inneren, sie würde nach dem anfänglichen Erstaunen zur Gewohnheit für mich werden und kein besonderes Augenmerk mehr erhalten.
Ich möchte keine Uhr sein, sagte ich leise.
Gleich darauf schien es mir absurd, so einen Gedanken mit solch einer Ernsthaftigkeit vorzutragen.
Danke, sagte er lachend, dann muß es dir ja nicht leid sein, wegen deiner Uhr.
Ich griff an meine Hosentasche, in der die Einzelteile lagen.
Lisa werde ich nicht sagen können, wie es wirklich passiert ist.
Das machte mich traurig.



Der nächste Beitrag wird am 15. Oktober 2000 erscheinen.